Weitere Rahmenvorlagen

für play! LEIPZIG.

Ein mehrstimmiges Driften durch Stadtentwicklungskonzepte, Brachflächen, Einkaufswelten und die Überreste der Zukunft.

I
Beiseite Gesprochenes.
Eine Warenhauselegie

24. Juni 2010.
Westliche Innenstadt,
Leipzig.

Prolog: Versammlung auf dem Burgplatz, Abstieg in die Tiefgarage unter dem Einkaufszentrum, im 3. Untergeschoss simultane Verlesung der Kommentartexte
1. Akt: WAHRNEHMEN. Stumme Nutzung der Verkehrswege des Einkaufszentrums in Kleingruppen (Treppen, Rolltreppen, Fahrstühle) und Test der diversen Blickachsen
2. Akt: AGIEREN. Bewegung durch das Einkaufssystem der südwestlichen Innenstadt mit Nennung der je aktuellen Tunwörter in Kleingruppen
3. Akt: REDEN. schwatzhafte Führung durch die nordwestliche Innenstadt unter Verwendung angelernten oder erfundenen Halbwissens
Epilog: Channeling der Stimmen der Bürgermeister vor dem Hintergrund der Ruine des Kaufhauses am Brühl (mit musikalischer J.S.Bach-Untermalung)

II
Das Vorgehen in der Landschaft

26. Juni 2010.
Lindenauer Hafen,
Leipzig.

Prolog: Begrüßung und Verteilung von Bild- und Kartenmaterial, gemeinsame Wande­rung zum Einstiegspunkt, dabei Abspielen der Tonaufzeichnung des 1. Rahmentextes
1. Akt: WAHRNEHMEN. schrittweises stummes Eindringen ins Gelände
2. Akt: AGIEREN. Nachvollzug der Aufzeichungen des ersten Teils in der Landschaft
3. Akt: SCHWEIGEN. Wanderung auf den Gleisen zum Museumsbahnhof Epilog: Fahrt im historischen Personenwaggon entlang der alten Speicher, Sprechen des zweiten Rahmentextes

Der Lindenauer Hafen

Im Frühjahr 2010 erhielten wir vom Tanzarchiv Leipzig den Auftrag, für das Festival "play! LEIPZIG" eine Performance im öffentlichen Raum der Stadt zu produzieren. Nach der Sammlung und Sichtung von Räumen, Karten, Texten und Verhältnissen entschieden wir uns für eine Doppelstruktur aus zwei separaten Aktionen, die es uns erlauben sollte, zwei unterschiedliche Gebiete der Stadt ins Verhältnis zu setzen: die westliche Innenstadt zwischen Petersbogen und dem zum Abriss freige­gebenen Kaufhaus am Brühl sowie die Brachfläche am Lindenauer Hafen. Im Ansatz griffen wir dafür das Format einer Stadtführung auf. Der Titel "Weitere Rahmenvorlagen" für die gesamte Arbeit entsprang dabei städtischen Dokumenten zur Entwicklung des Hafenareals.

In der letzten Dekade ging das Bemühen der Leipziger Innenstadtplanung vor allem dahin, eine touristisch attraktive ‚City‘ herzustellen, deren Hauptelement Einkaufs­möglichkeiten sind. Viel Mühe wurde auf die Wiederherstellung von Fassaden aus der Zeit vor den Weltkriegen und die Rekonstruktion und Ausweitung der alten Passagenstruktur der Messestadt verwandt. Nebenbei geht es aber auch darum, die Bausubstanz aus der DDR-Zeit fast vollständig zu eliminieren – Leipzig, dessen Stadtmarketing die Stadt als Wiege der ‚friedlichen Revolution‘ bewirbt, löscht die sozialistische Vergangenheit systematisch aus seinem Innenstadtbild.

Dem Lindenauer Hafen, über hundert Jahre lang im Leipziger Westen gelegenes Kuriosum eines Hafens ohne Zugang zu einem fließenden Gewässer, wird gegenwärtig zuteil, was Gründerzeit, Weimarer Republik, Hitlerdeutschland und DDR aus Geldmangel nicht gelang: Er wird an das Gewässernetz angeschlossen. 2010 lag das teilbereinigte Gelände noch weitgehend brach, nur in Teilen genutzt von einem Saatgutunternehmen und einem Verein zum Erhalt der alten Feldbahn aus der Industrialisierungszeit, als aus einer Kiesgrube das Hafenbecken entstand. Spatenstich für den ‚Anschluss‘ war am Tag vor unserer Performance.

Über die Wochen vor dem Festival führten wir zahlreiche Begehungen der beiden Gelände durch, um ihre (Dys-)Funktionalitäten kennenzulernen. Während es sich bei der Innenstadt um einen homogenisierten Raum handelte, der den sich darin Bewegenden an jeder Stelle kommunizierte, was sie begehren, sich vorstellen, was sie tun und lassen sollten, ließ uns die Brache mit unseren Wünschen alleine. Sie war kein konsumierbarer Raum, wir verloren uns, wussten nichts anzufangen mit uns an diesem Ort, wo die einzig sinnvolle Art der Fortbewegung für uns das ‚Herumstromern‘ war. Naturgemäß hatten andere Besuchende die unterschiedlichsten sozialen Funktionen für die Brache gefunden, das Gelände war wegen seiner Undefiniertheit ein Raum, der durch seinen ,Unterdruck‘ die Phantasie und Vorstellungskraft aus den Subjekten ,heraussog‘ und sich als Projektions­fläche anbot. Aus dieser Erfahrung entwickelten wir die Struktur unserer Performance: die Projektion der City auf die Brache mittels ihrer repräsentativen Praxen.

Im ersten Teil, Beiseite Gesprochenes, begleitete uns das Publikum auf einer Route durch die Leipziger Innenstadt auf der Suche nach den erfahrbaren Effekte von Raumplanung und Stadt­entwicklungs­konzepten: Welche Handlungsweisen, welche Emotionen und Gesten sind den Räumen eingeschrieben und pflanzen sich in unseren Körpern fort? Den üblichen Zwecken eines Innenstadt­aufenthalts entrückt, konnten wir in der Performance die dem Ort entsprechenden Handlungen zweckfrei ausführen, untersuchen, genießen und - mittels Tonaufzeichnung - sammeln. Der Rhythmus der Aktion lebte von einem Wechsel aus sprachlosen und -reichen Zeiten, in denen wir die Lust an wildwüchsigem Informationsaustausch ventilierten und stadtgeschichtliche Fakten, Anekdotisches, politische Reden, Literatur, Gerüchte, Halbwissen und rein Ersponnenes mischten.

Für den zweiten Teil, Das Vorgehen in der Landschaft, übertrugen wir mittels der Tonaufnahmen des ersten Teils unseren Parcours durch die Innenstadt auf das Gelände des Lindenauer Hafens. Die Aufzeichnungen benutzten wir dafür als Handlungsan­weisungen und orientierten uns mit ihrer Hilfe im Hafengelände: So wurde ein bestimmter Bereich zwischen zwei Hügeln in der Brache das Einkaufszentrum Petersbogen, auch den Kaufhof, den Marktplatz, das Bildermuseum usw. konnten wir in der Brache finden. Nicht nur wurden unsere innenstädtischen Handlungen durch unsere Rekonstruktion fragwürdig, die aufgezeichneten Gespräche machten auch den kulturellen Überlagerungsvorgang deutlich, der die menschliche ‚Nutzbarmachung‘ von Welt überhaupt erst ermöglicht.