Untergrund

Eine Prozessbeobachtung.

Theaterdiscounter, Berlin,
Schwankhalle, Bremen,
September 2014.

Mitarbeiter:
Christos Anastasopoulos,
Marina Miller Dessau,
Katharina Haverich,
Patrick Heppt,
Aurora Kellermann,
Elias Liermann,
Jessica Schwahn,
Arne Vogelgesang,
Christoph Wirth.

Lob:
Bremer Autoren- und Produzentenpreis 2013.
Rezension taz

Finanziert durch den Bremer Autoren- und Produzentenpreis.

In Kooperation mit dem Theaterdiscounter Berlin.

Fotos Nils Bröer
Fotos Nils Bröer
Fotos Nils Bröer
Fotos Nils Bröer
Fotos Nils Bröer
Fotos Nils Bröer
Fotos Nils Bröer

Fotos: Nils Bröer.


Im Frühjahr 2013 wandte sich eine junge Theatergruppe an uns mit der Bitte um Unterstützung bei der Produktion eines Stücks über den NSU. Das real*theater*kollektiv wollte anhand von Medienmaterial einen "theatralischen Bericht zur Lage der Nation" erstellen, um damit ein "Kontinuum der Normalität" freizulegen, das die Terrorist*innen mit der sozialen Wirklichkeit verband, in der sie untergetaucht waren -– einen kollektiven "Untergrund" des deutschen Bewusstseins (Zitate aus ihrem damaligen Konzept).

Nach anfänglichem Zögern erklärten wir uns bereit, das Kollektiv zu unterstützen, obwohl wir die Mitglieder nie persönlich getroffen hatte - der Kontakt lief über Email und Skype. Um die Förderchancen der unbekannten Gruppe zu erhöhen, einigten wir uns auf eine Finte und erklärten das real*theater*kollektiv kurzerhand zur Fiktion. Tatsächlich gelang es uns so, mit dem Bremer Autoren- und Produzentenpreis mehr Projektmittel zu akquirieren, als wir gehofft hatten. Die Arbeit begann mit entsprechend großen Hoffnungen.

Doch im Arbeitsprozess des Kollektivs, soweit wir ihn aus der Position der Produzenten verfolgen konnten, traten zunehmend Probleme auf. Diskussionen eskalierten. Meinungen darüber, was politisch zu tun sei - auch auf der Bühne - klafften immer weiter auseinander. Der Prozess zog sich hin, trat auf der Stelle. Mitglieder verließen das Kollektiv. Die Kommunikation zwischen der Gruppe und uns wurde zunehmend brüchig und riss schließlich ganz ab. Die drei am Schluss verbliebenen Mitglieder des Kollektivs waren "abgetaucht", nicht auffindbar. Mit ihnen eine größere Menge der Geldmittel für das Projekt, was für uns natürlich äußerst unangenehm war.

Auf der Suche nach unserer verschollenen Theatergruppe und den investierten Projektmitteln stießen wir auf Bruchstücke des Prozesses: einen Dropbox-Ordner mit einer Linkliste und gesammelten Mediendokumenten, Notizen, verschlüsselte Emails, Videoaufnahmen. Anhand dieses Materials versuchten wir Arbeit und Konflikte des real*theater*kollektiv zu rekonstruieren, um zu ergründen, was mit der Gruppe eigentlich geschah und um was es bei ihrem Projekt hätte gehen sollen.

Doch die Faktenbasis unseres Dokumentartheaters war so prekär wie die vermeintliche oder reale Fiktion des real*theater*kollektivs, dessen Arbeit in unserer Rekonstrutkion den Charakter einer „scripted reality“ annahm. Schon seine Proben waren Theater. Für wen? Was passiert in einer solchen Verschachtelung von Repräsentationen, die immer unklarer und unwichtiger werden lässt, "was wirklich geschah", mit unserer Fähigkeit und unserem Willen, politisch Position zu beziehen?

An beiden Enden der Repräsentationskette steht die gleiche gesellschaftliche Realität, in der wir entscheiden, wie wir mit Bedingungen und Erscheinungen rechten Terrors umgehen. Das Ziel von Untergrund war es, Erkenntnisse darüber zu erlangen und ermöglichen - für jene wie uns, die weder (potentielle) Opfer noch (reale) Täter sind, sondern den Kontext dieser Gewalt bilden.