Mauser

Umbesetzung
für hybriden Chor und
revolutionäre Leerstelle.

Mai bis
September 2009.
Westwerk Leipzig
.

Oktober 2010
Theaterkapelle Berlin
.


Mitarbeiter:
Franka Beck
Daniel Hengst
Josepha Vogel
Arne Vogelgesang
Christoph Wirth


Chor:
Michael Barthel
Sascha Block
Fred Büchel
Laurent Chétouane
Marina Dessau
Elisabeth Desta
Doris Enders
Ulrike Fiebig
David Guttmann
Dorothea Hebestreit
Simone Hirth
Heiko Klandt
Ina Königs
Stefan Kreißig
Carolina Luszkiewicz
Anne Mertin
Anna Peschke
Franziska Petruschke
Martin Pommeranz
Henry Rudolph
Ulrike Schleinitz
Melanie Schmidli
Johannes Schmit
Michael Schumpelt
Amélie Tambour
Petra Vogelgesang
Muriel Zibulla

Kulturstiftung des Freistaates Sachsen
Gefördert von der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen.


SAE Institute
Mit freundlicher Unterstützung des SAE Institute Leipzig.


repromedia Leipzig
Wir drucken bei repromedia Leipzig.


nuoviso.tv
Gefilmt mit Kameras von Nuoviso Filmproduktion.


maskworld.com
Als professionellen Masken- und Kostüm-Anbieter für Theatermacher und Theaterfreunde empfehlen wir maskworld.com.

WESTWERK Logistics GmbH
Verwirklicht im WESTWERK.


TVC GmbH
Wir arbeiten mit Bildschirmen der TVC GmbH.


Rheinmetall Waffe Munition GmbH
Wir danken der Rheinmetall Waffe Munition GmbH für die freundliche Kommunikation. (Ihr Kriegsgewinnler)


Quartiersmanagement Leipziger Westen
Mit Unterstützung des Quartiersmanagements Leipziger Westen.

(für Bilder siehe Dokumentation)

Für die Umsetzung von „Mauser“, einem Lehrstück von Heiner Müller, baten wir 27 Freunde und Familienmitglieder, für uns in ihrer Wohnung frontal in eine Kamera den Text einzusprechen, den wir ihnen Zeile für Zeile vorsagten. Aus diesem Videomaterial komponierten wir in aufwendiger Schnittarbeit bis zu zwölfstimmige Chöre, die das Grundgerüst der Inszenierung bildeten. In räumlich mobilen Fernsehgeräten wurde dieser Chor ein technisch-menschliches Mischwesen. Was ist politisch für solch einen Chor? Was bedeuten Tod und Identität für ihn? Was bedeuten sie angesichts seiner uns?

Um, lehrstückgerecht, die Probe auf diese Fragen zu machen, setzten wir uns als Vertreter des Einzelnen diesem Chor aus, formierten ihn, hörten und sahen ihm zu, antworteten auf ihn, bauten ihn um, ließen uns von seinen Litaneien und der physischen Schwere seiner „Glieder“ ermüden und von seinen geliebten Gesichtern berühren. Für die von uns live gesprochenen Textpassagen entwickelten wir verschiedene Sprech- und Organisations­weisen, ohne aber dabei die Sprecher festzulegen. Die letztendliche Gestalt der live gesprochenen Texte war also – im Gegensatz zu den auskomponierten Chören – immer improvisiert. Oft arbeiteten wir dabei, der Müllerschen Textform entsprechend, auch in den Kleinstrukturen mit Wiederholungen und Variationen, indem wir Satzteile, Tonfälle oder Haltungen der Kollegen übernahmen. Dazu kamen Einblendungen des Textes auf den Fernsehern des Chors, die das Gesprochene für die Zuschauer kontrollierbar machten.

Das Publikum betrachteten wir dabei als Mitspieler in dieser Übung, es hatte in unseren Veranstaltungen volle Bewegungsfreiheit im Raum. Seine Rolle war dabei ambivalent: Körperlich anwesend wie wir Spieler, aber überzählig und von uns geschieden, standen die Zuschauer zwischen den Positionen von Einzelnem und Kollektiv, mussten sich selbst zuordnen oder eine dritte Stellung im Konflikt finden. Die räumlichen Konfigu­rationen, die wir im Spiel über unsere Positionierungen wie die der Fernseher entwarfen, veränderten und zerbrachen, dienten auch der Organisation dieses zweiten, stillen Chor des Stücks. Umgekehrt beeinflussten die Bewegungen der Zuschauer unsere eigenen Entscheidun­gen, ihre Reaktionen hatten Auswirkungen auf den Rhythmus der Abläufe. Sie waren Adressaten für unser Sprechen wie für die Ausrichtungen des Raums. Die einzelnen Abende waren damit für uns in ihrem Verlauf kaum absehbarer als für unsere Gäste, die mitunter die prägnantesten Haltungen zum Chormaterial entwickeln.

Für unterschiedliche Rahmen und Orte konzipieren wir unsere Veranstaltungen jeweils neu. Dies betrifft die Dramaturgie und Raumpolitik ebenso wie die Bewerbung der Veranstaltung selbst. Für die Vorstellungen in Leipzig im Herbst 2009 kündigten wir die die Aufführungen als theatrale Trainings bzw. ‚Workshops zu revolutionärer Rhetorik und Medienpräsenz‘ an und banden praktische Übungen in den Stückverlauf mit ein. Unser Arbeitsraum, eine große ehemalige Werkshalle, begünstigte diesen Schwerpunkt auf Praxis und Bewegung. Ein Gastspiel in der Berliner Theaterkapelle im Herbst 2010 wiederum beschäftigte sich mehr mit Blickbeziehungen, mit Nähe-Distanz-Wechseln und Regimen der Repräsentation. Dies lag wesentlich am völlig anders strukturierten Raum, der von seiner historischen kirchlichen Funktion, seiner eingebauten Bühne mit Vorhang und der regelmäßigen Nutzung als Theaterraum geprägt war.