2019: Es ist zu spät

Szenenfoto. Auf einer Projektion steht das Wort "Theater", davor gestikulierend/grimmassierend der Performer. Ein Bildschirm im Vordergrund zeigt das Kamerabild dieser Szene.

„Hallo. Hi. Schön, dich zu sehen“, sagt Arne und strahlt in die Kamera. In seinem Video blickt er für seine Follower*innen auf fünf Jahre Theaterarbeit mit politischem Material zurück. Fünf Jahre Dokumente eines gesellschaftlichen Umbruchs, fünf Jahre Aufklärung, fünf Jahre Positionsbestimmung, fünf Jahre Leben an der Armutsgrenze. Er spricht über das Artensterben, den Klimawandel, Wasserknappheit, Flucht, Armut, Ungerechtigkeit, die Festung Europa, Kriege und Faschismus.

Was hätte Theater anderes tun können, als die Erzählungen von der Katastrophe zu wiederholen? „Die ganze Welt ist unsere Bühne“, sagt Arne. „Und ihr Kollaps ist ein Genuss.“ Und so verlegt er seine Produktion in das Internet. Eine neue Bühne ist eröffnet.

Melodramatischer Höhepunkt dieser Live-Aufzeichnung eines zukünftigen YouTube-Videos auf der Theaterbühne ist die Rasur des geschichtsträchtigen Barts des Protagonisten. Doch damit ist das Problem erst richtig da: Denn jede folgende Aufführung des Stücks erfordert es, diese vermeintliche radikale Ausstiegsgeste als Fake zu reenacten. Es ist zu spät auszusteigen. Und so zeigt jedes Gastspiel die Dokumentation der Premiere und die sie zu kopieren versuchende Wiederaufführung Seite an Seite, Bild in Bild.

Aufführungen als Livestream binden zusätzlich das Publikum im Chat als Figur mit ein, so dass Gäste sich selbst über ihren Status unklar bleiben müssen: Sind sie die zukünftigen Adressaten eines Theaters, das sich ins Netz aufgelöst hat? Sind sie Wiedergänger*innen jener Livezuschauer*innen einer präpandemischen Zeit, deren Lachen im Video der nachgespielten Erstaufführung konserviert wurde? Befinden sie sich in jener Grauzone zwischen Vergangenheit und Zukunft, in der Handeln angesichts des Untergangs noch sinnvoll scheint?

„Ein absolutes Highlight des Festivals, überhaupt eine der besten Arbeiten, die seit langem in der freien Szene zu sehen waren.“

Tagesspiegel

„ultimative Klima-Kunst-Performance… beklemmend“

Theater heute

👏👏👏

YouTube

Szenenfoto der Premiere. Im Vordergund ein Bildschirm, auf dem das Kamerabild dessen zu sehen ist, was wir hintert dem Bildschirm sehen: Vor einer Projektion brennender Bäume rasiert der Performer seinen Kopf.
Szenenfoto. Auf einer Projektion steht das Wort "Theater", davor gestikulierend/grimmassierend der Performer. Ein Bildschirm im Vordergrund zeigt das Kamerabild dieser Szene.

Es ist zu spät

TD Berlin, November 2019.

Festivals:
Impulse 2020,
Augenblick Mal! 2021,
StagesUnboxed@Theatertreffen ’21,
Stuttgarter Filmwinter 2022

Konzept, Text, Performance:
Arne Vogelgesang

Außenblick & Chat:
Marina Dessau

Performer*innen Variante 2:
Christopher Hotti Böhm, Marina Dessau, Katharina Haverich, Tobias Wollschläger, Christoph Wirth

Auftrag/Kopro Var. 1, 2 & 4: Monologfestival 2019 / TD

Auftrag/Kopro Var. 3: Impulse 2020 / NRW Kultursekretariat / FFT Düsseldorf

Fotos:
Loris Rizzo